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Der Heilpflanzengarten von Kloster Gerode

in alter benediktinischer Tradition

von Konrad Frick-Kleinke

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Führungen im Heilpflanzengarten am 9.6. und am 25.8.2018, Beginn: 15 Uhr, Treffpunkt: Kloster-Café, Eintritt: € 5,00, Kinder frei

Die Grundlagen unseres heutigen Wissens über die heilende Wirkung von Pflanzen verdanken wir im wesentlichen den Mönchen des Mittelalters. Insbesondere die Benediktiner brachten die bis dahin gesammelten Erfahrungsschätze der Pflanzenheilkunde mit über die Alpen zu uns und entwickelten sie weiter.

Das Wissen der Menschheit über die Heilkraft bestimmter Pflanzen reicht weit in die Geschichte zurück. So benutzten die Neandertaler schon vor 30.000 Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach Mohnkapseln, wie wir aus archäologischen Ausgrabungen wissen. Die älteste schriftliche Überlieferung des Mohngebrauchs befindet sich auf einer ca. 3.000 Jahre alten sumerischen Schreibtafel, die bei Nippur gefunden wurde. In ca. 17.000 Jahre alten Ablagerungen der Rentierjäger von Lascaux in den Pyrenäen fand man bereits Beifuß. Dabei handelt es sich um eine der ältesten Heilpflanzen, die heute noch hier gebräuchlich ist und auch von den nordamerikanischen Indianern verwendet wird.

Andere frühe Zeugnisse des Heilpflanzengebrauchs finden wir in uralten, persischen Wandmalereien und in ägyptischen Pyramidentexten, 10 Schriftrollen oder Papyri, aus dem alten Reich (2686-2181 vor Chr. ). Unser heutiges Wissen über die antike Medizin ist jedoch nur sehr bruchstückhaft. Sie war jedenfalls keine Volksmedizin, sondern eine meist mündlich überlieferte Lehre, die von Spezialisten wie Schamanen, Priestern und Ärzten ausgeübt und weiterentwickelt wurde. Das deutsche Wort Garten hat seinen Ursprung im Indogermanischen, der Ursprache aller indischen und europäischen Sprachen, und kommt von "ghortos" (das Eingefasste). Die von einem Zaun umschützte Anbaufläche bildete sich, als unsere nomadischen Vorfahren sesshaft wurden. Neben dem Acker, dem Gemeinschaftseigentum, gab es diese Urgärten als Sondereigentum, das geschützt war und dessen Verletzung besonders bestraft wurde. Der Anbau in den damaligen Gärten oblag den Frauen, was sich noch heute in den Namen Hiltgart, Luitgart, Irmingart und Wendelgart ausdrückt. Die germanischen Gärten der Stein- und Bronzezeit waren noch relativ einfach. Durch Ausgrabungen von Pfahlbauten am Bodensee wissen wir heute, dass unsere germanischen Vorfahren neben Hülsenfrüchten und Gemüse, Ampfer, Brennnessel, Wegwarte, Petersilie und Kümmel verwendeten. Mit der Völkerwanderung verkümmerten die germanischen Gärten dann jedoch wieder. Im damaligen Römischen Reich war die Gartenbaukunst wesentlich weiter entwickelt. So gab es bereits 9O cm bis 12O cm breite Beete, die damals schon teilweise mit niedrigen Buchsbaumhecken eingerahmt wurden. Neben den Würzkräutern wurden bereits Rosen, Lilien, Goldlack und Levkojen gezüchtet.

  • Hippokrates (46O-37O v. Chr.) gründete die erste große Medizinschule.
  • Dioskurides (1. Jh n. Chr.) schrieb die bedeutendste Materie Medica der Antike, ein Buch in dem ca. 6OO verschiedene Heilpflanzen beschrieben wurden.
  • Galenos (129-199 n. Chr.) schuf mit der Weiterentwicklung der 4-Säftelehre eine medizinische Grundlage, die bis ins 16. Jh. Gültigkeit hatte.


Der Mönch Benedikt von Nursia legte 529 n. Chr. im Kapitel 36 seiner Ordensregeln fest, dass vor allem und über alles Sorge für die Kranken zu tragen sei. Die benediktinischen Mönche gehörten damals zu den wenigen, die des Lesens und Schreibens mächtig waren. In ihren Schreibstuben übersetzten sie die Werke der Antike, unter anderem auch den gesammelten Schatz des Wissens über die Heilpflanzenkunde und fertigten Abschriften an. Außerdem brachten sie viele mediterrane Heilpflanzen mit über die Alpen und legten in ihren Klöstern u. a. gesonderte Heilpflanzengärten an, um sich und die umliegenden Dörfer mit Heilpflanzen versorgen zu können. Damals war es üblich, einmal im Jahr die umliegenden Bauern im Gartenanbau und Gebrauch von Heilpflanzen zu unterrichten. Dieser Brauch war noch bis zum Jahre 1911 im Salzburgischen Kloster Ramshofen üblich.

Dieser älteste Plan stammt aus dem so genannten Klosterplan von St. Gallen, einem Idealplan für ein mittelalterliches Benediktinerkloster. Die Heilpflanzengärten der damaligen Zeit waren noch sehr einfach gehalten: 2 Reihen à 4 Beete waren umgeben von 16 im Quadrat angeordneten Beeten. Die Beete waren mit Holzbrettern umfasst und als Hochbeete angelegt. Der Abt des Benediktinerklosters auf der Bodenseeinsel Reichenau, Walahfried Strabo (809 - 849 n. Chr.) beschrieb etwa zur gleichen Zeit in einem botanischen Lehrgedicht einen derartigen Garten, "Hortulus" genannt, der ca. 30 verschiedene Heilpflanzen enthielt, die einzeln dargestellt wurden.

Hildegard von Bingen (1098-1197) gründete auf dem Rupertsberg bei Bingen zwei Benediktinerklöster. Sie beschrieb in ihrem großen Werk "Physika" bereits 200 verschiedene Heilpflanzen der damaligen Zeit. Die Heilpflanzengärten entwickelten sich im Laufe der Zeit sowohl in ihrer Ausstattung als auch in ihrer Gestaltung weiter. Durch die Kreuzzüge Ende des 11. Jahrhunderts kamen neue Heilpflanzen wie Ysop und Schwarzkümmel aus den Kalifengärten des Morgenlandes schließlich auch bis nach Deutschland. Von den Entdeckerreisen in der Renaissance brachte man weitere ausländische Pflanzen nach Mitteleuropa. So den Sonnenhut, den Phlox, die Kapuzinerkresse, die Sonnenblume und die Kartoffel aus Amerika und den Flieder, den Jasmin, die Tulpen und die Hyazinthen aus der Türkei. Eine Tulpenzwiebel wurde damals gegen einen Wagen mit zwei Pferden eingetauscht.

Jahrhunderte lang hüteten die mittelalterlichen Mönche die Geheimnisse der Heilpflanzen in den Bibliotheken ihrer Klöster. Erst durch die Erfindung der Buchdruckerkunst (1448) war eine weitere Verbreitung der Pflanzenheilkunde möglich.

Nach dem Muster der Klostergärten entwickelten sich in den Burgen der Ritter und des Adels die Burggärten und auf dem Lande die Bauerngärten, die das Wegekreuz übernahmen und es bis in die heutige Zeit benutzen. In den Städten folgten die Pfarr- und Apothekergärten bis hin zu den Gelehrtengärten, aus denen teilweise unsere heutigen Botanischen Gärten hervorgingen. Thüringen entwickelte sich im 18. Jh. zu dem Schwerpunkt des gewerblichen Heilpflanzenanbaus in ganz Deutschland.

Traditionsgemäß wurden die Beete um ein zentrales Wegekreuz angelegt, in dessen Mitte sich ein Rondell befindet, welches Platz für einen Brunnen bildet. Das Wegekreuz steht als Symbol einerseits für die 4 Himmelsrichtungen und andererseits für die Kreuzung der weltlichen Achse mit der göttlichen. Diese Symbolik findet man schon in vorchristlichen persischen Gärten. Sie wurde später für die christlichen Klostergärten übernommen. Der geplante Brunnen im Zentrum symbolisiert mit seinem Wasser die Quelle des Lebens. Die Umrandung des Wegekreuzes mit einer niedrigen Buchsbaumhecke hat ihre Wurzeln bereits in den römischen Gärten der Antike und war dann später in den Klostergärten des Barocks verbreitet. In Gerode wurde um die inneren Beete ein quadratischer Umgang konzipiert, der in Anlehnung an die klösterlichen Kreuzgänge mit ihren Gewölbebögen hier durch Rosenbögen führt und von einer Blumenrabatte umgeben ist. Der Mittelweg führt am oberen Ende zu einem Halbrondell. Dieser Platz ist vorgesehen für eine Marienstatue, der Schutzheiligen des Klosters, die traditionsgemäß auch die Schutzheilige der Heilpflanzengärten war.

Der Geroder Heilpflanzengarten wurde als Lehr - und Forschungsgarten konzipiert und steht Seminarbesuchern, Gästen, interessierten Laien und Schülern zur Verfügung. Die Pflanzen wurden nach Zugehörigkeit zu den Pflanzenfamilien angeordnet und diese wiederum nach ihrer entwicklungsgeschichtlichen Reihenfolge. So finden wir die Pflanzen der Urzeit, wie Farne und Lycopodiumgewächse im unteren Teil des Gartens, während die "jüngsten" Pflanzen, wie z.B. Liliengewächse, sich im oberen Teil des Gartens befinden. Um die Marienfigur wurden vier Beete mit den Marienpflanzen angeordnet. Die Heilpflanzen nach Dr. Bach sind auf drei gesonderten Beeten zu finden. Vorgesehen sind insgesamt ca. 300 verschiedene Heilpflanzen: einerseits alte, im Mittelalter gebräuchliche und teilweise inzwischen in Vergessenheit geratene Pflanzen und anderseits die wichtigsten heute gebräuchlichen Heilpflanzen.

Der Heilpflanzengarten konnte mit Unterstützung durch eine ABM-Maßnahme des Arbeitsamtes Nordhausen in den Jahren 1996/97 angelegt werden.

Weiterentwicklung und Forschung

Schwerpunkte im Rahmen des zukunftsweisenden WEG DER MITTE Forschungsprojektes „Heilpflanzen zur Gesundheitsprävention“  sind unter anderem folgende drei Aspekte:

-          Pflanzen zur Immunstärkung

-          Pflanzen  zur Krebsprävention und

-          so genannte Anti-Aging- bzw. Healthy-Aging-Pflanzen auch im Hinblick auf  eine mögliche Prävention von Demenz, Alzheimer und Parkinson.

Dabei wurden verschiedene bedeutsame und viel versprechende internationale Heilpflanzen gefunden, die in den letzten Jahren, soweit klimatisch möglich, auch im Heilpflanzengarten  angesiedelt wurden. So z. B. die Aronia-Beere, aronia melanocarpa, eine kanadische Heilpflanze zur Immunstärkung und Krebsprävention (siehe auch weiter unten), die Cystrose, cistus incanus, eine uralte griechische Heilpflanze, die erfolgreich sogar im Einsatz gegen Schweingrippeviren getestet wurde (Universität Tübingen und Universität Münster) und eine spezielle Beifußsorte: artemisia annua, der einjährige Beifuss, eine hochwirksame chinesische Arzneipflanze, die in Asien und Afrika erfolgreich zur Malariabekämpfung eingesetzt wird und die auch bei der Behandlung von Krebs hilfreich sein kann. Seit 2007 läuft eine diesbezügliche Studie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg DKFZ.

 „ Lasst Nahrung eure Medizin sein“ Hippokrates (460 - 370 vor Chr.)

 

Innovatives Pilotprojekt: Aronia-Heilpflanzen-Anbau im Kloster Gerode

 Anknüpfend an die früher führende Rolle Thüringens im Heilpflanzenanbau wurde im Jahre 2010 vom Weg der Mitte mit unterstützender LEADER-Förderung auf drei Plantagen in der unmittelbaren Nähe des Klosters Aroniabüsche angepflanzt. Das Projekt wurde 2010 als Innovatives Vorhaben durch das Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt, Thüringen, ausgezeichnet. Der Aronia-Anbau im Kloster Gerode ist bio-zertifiziert. Die Früchte werden sorgfältig per Hand geerntet, sortiert und regional zu hundertprozentigem Muttersaft, Trockenbeeren, Tee und Zellschutzpulver verarbeitet. Die nordamerikanische Heilpflanze Aronia, eine hochkarätige Multivitaminbeere, kommt ursprünglich aus Kanada und hat wegen ihrer ungewöhnlich vielfältigen heilwirksamen Inhaltstoffe und ihrem einzigartig hohen antioxidativen Potential ein außergewöhnlich breites Wirkungsspektrum, angefangen von Allergien, Bluthochdruck über Diabetes, Immunstärkung bis zur Krebsabwehr und Schwermetallausscheidung, welches bereits in vielen verschiedenen internationalen Studien wissenschaftlich belegt ist. An der Universität Potsdam wurde 2006 beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung eine 3-jährige, von der Bundesregierung mit 700.000,- € geförderte Grundlagen-Studie durchgeführt, um u. a. herauszufinden, wie Aronia zur Verbesserung der Ernährung in Deutschland eingesetzt werden kann. Ein Beitrag zur Umsetzung dieser Idee leistet das Aroniaprojekt im Kloster Gerode seit 2010.

Wie früher im Mittelalter die Klöster die Stützpunkte für die Sammlung, Anwendung und Weiterverbreitung des traditionellen Heilwissens in der Gesellschaft waren, so ist heute Kloster Gerode, anknüpfend an diese Tradition, zu einem blühenden, modernen und zukunftsweisenden Impulsgeber für natürliche Gesundheit  geworden.